In Schrittgeschwindigkeit Richtung Reich der Mitte  

  • 23. September 2016

Ein Ausflug von Dong Van an den nördlichsten Punkt des Landes zeigte uns: die Straßen können noch enger, noch kurviger, noch holpriger und abgeschiedener sein als bislang gedacht.
Für die gut 20 km waren wir 1 1/2 Stunden unterwegs- zwischen Reisfeldern der Hmong, Felsen und Bambus hindurch. Im Gegenverkehr war hinter jeder Kurve mit einer Büffelherde, fußläufigen Hmong, aber auch Lkws und natürlich Mopeds zu rechnen.

Belohnt wurde man dafür mit atemberaubenden Aussichten auf nahezu unberührte Natur. Der Grenzverlauf zu China ließ sich vom 2010 erbauten Aussichtsturm von Lung Cu erahnen. Auffallend schön sind dabei vor allem die Reisfeldern in satten Grün- und Gelbtönen.


Am Turm war auffällig, dass besonders auf dem Umweltschutz hingewiesen wurde. Ansonsten haben Großteile der Vietnamesen ein sehr schwach ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Wir waren schockiert, als plötzlich einer unsere Mitfahrer den Abfallbeutel durch das Fenster entsorgte. 

Am Nachmittag machten wir uns auf den Ma Pi Leng Pass der uns mit seiner atemberaubenden landschaftlichen Schönheit beeindruckte – nicht umsonst werden die Berge seit der französischen Besatzung Tonkinesische Alpen genannt.

Zugleich entsetzte uns dieser Ausflug, als wir Kinder der Hmong kaum älter als 14 Jahre mit gesammelten Buschwerk  (zu ca. 1m großen Ballen) ihren Balast die steilen Berghänge hinauftragen sahen, während wir hier als Touristen die Aussicht genießen. Mit einer großen Ungleichzeitigkeit wie der Kinderarbeit, die wir bei uns zu Hause leicht ausblenden können, sind wir heute hautnah in Berührung gekommen.
Die Sache verschärfte sich noch dadurch, dass wir einen einheimischen Jungspunt aufgegabelt haben, der uns zwar mit Insiderwissen seit zwei Tagen begleitet, der aber lebendiges Beispiel für die Überheblichkeit und Arroganz eines (groß-?)teils der Vietnamesischen Bevölkerung gegenüber den ethnischen Minderheiten ist. An fast keiner Gruppe Hmong fährt unser Bus vorbei, ohne dass ein frecher oder frivoler Spruch fällt. Interventionen bei den Vietnamesen finden keinen Anklang, sie sehen das offensichtlich anders. Wir Deutschen schämen uns.

1 Kommentar auf In Schrittgeschwindigkeit Richtung Reich der Mitte  

  • Philippus sagt:
    24. September 2016 um 2:53

    Gerne möchte ich zu dem Blogeintrag eine Ergänzung mit meinen Gedanken einfügen. Zum einen kann ich die geschilderten Eindrücke bestätigen, auch diese haben mich berührt und beschäftigt. Zum anderen finde ich, bleibt es eine subjektive Wahrnehmung, welche wir „Europäer“ in einer der abgelegensten Region Asiens machen. Gerade wir als Europäer sollten wissen, dass die industrielle und gesellschaftliche Entwicklung Fehler induzieren kann, aus der es gilt zu lernen. Nichts anderes passiert hier in Vietnam. Ein Land, in dem vor 50 Jahren zum Großteil aus Bambushütten und unbefestigten Straßen bestand. Seit dem hat sich das Land extrem schnell entwickelt. Eine Entwicklung, die auch durch die Bedürfnisse (Konsumwaren möglichst günstig) von uns Europäern gefördert und somit sowohl positiv (wirtschaftlicher Aufschwung) als auch negativ (Umweltverschmutzung) beeinflusst wird. Daher fällt es mir schwer die hier leben den Menschen und ihre Lebensweise aus unserer Perspektive zu beurteilen oder gar zu kritisieren.